• Nele Briche

Enttäuschung


schon als sie sich morgens die Haare wusch


wußte sie: sie hatte wieder aufs falsche Pferd gesetzt

er würde nicht kommen, trotz:

er vermisse sie, er wolle ihre stimme hören

lädst du mich ein?

er möchte sich immer nur selbst verletzen

und weil das so schwer zu verantworten ist

noch alle mit in die Rippen stoßen, die um ihn sind

Freunde und Geliebte

frau lernt nie aus

deshalb gibt es Radiergummis auf Bleistiften

obwohl sie lieber die Liebe mit Tinte beschreibt

durchstreicht statt zu radieren

so steht es noch da- man sieht die Gedanken

sie hatte den Morgen gut genutzt nicht nur mit Vorfreude

dann vertagen wir das- die Arbeitskarte- bitter

nichts ist mehr Klischee und Vorwand

nichts trifft mehr die Angst, nicht zu genügen

es schürte ihre Wut wenn sie sich Zeit für ihn nahm

der Radweg durch den Herbstwald voller Kastanien und Licht

besänftigt sie: soll er allein sein am Regenmalplatz

seine Sinnkrise will es so

wie attraktiv war er als er seine Musik mit ihr teilte

jeder seine Höhle mit Träumen benetzte

und die Couch mit Zärtlichkeiten statt Analysen

genau da lernt sie: Freunde sind Delegierte ohne Auftrag

auf der Arbeit heißt es, du strahlst, so schön wie selten sei sie

nichts schmerzt- nicht einmal die Anästhesie zu setzen

der Weg nach Hause immer noch durchleuchtet vom Licht

der Fisch im Rohr, die Kerze auf dem Balkon

die Freundin wartet auf sie


Jan 2021


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